Mein Atem ist kurz. Nigel Slater hat jedenfalls einen längeren (Atem!). Ich liebe sein Küchentagebuch, ein über Jahre hinweg entstandenes Werk, und lese zur Zeit immer wieder etappenweise darin. Essen als etwas Alltägliches anzusehen und sich nicht ständig darin zu verkünstleln und dafür zu verbiegen, finde ich angesichts der heutigen Flut an atemberaubend schnell wechselnden Food-Trends und heillos überstylten Fotos als ungeheuer befreiend und angenehm. Ein Mann, ein Herd, ein gutes, ehrliches Essen. Genau das mag ich. Übertragen auf meine abendlichen Rituale also: Eine Frau, ein Glas Wein, eine (denkbar schlichte) Zitronentarte.

Der Appetit auf Zitronentarte verfolgt mich schon seit einigen Wochen, spätestens seit die sizilianischen Schönheiten sich in den Auslagen der Gemüsehändler breit gemacht haben und nach Verwendung schreien. Weil ich, wie oben erwähnt, gerade keine allzu große Ausdauer beim Backen habe, sollte es etwas Klassisches, Altbewährtes werden, eine cremige Tarte au citron, ein schneller Lemon Meringue Pie, hauptsache süß und zitronig und ohne allzu großen Aufwand. Dann fiel mir Mr. Nigel Slaters Rezept in die Hände, das an Einfachheit wohl kaum zu überbieten ist (allerdings auch nicht in Sachen Textur, Haltbarkeit und Aroma). Das Schöne an dieser Tarte ist, dass sie nicht vorgibt etwas zu sein was sie nicht ist, sie ist einfach eine Tarte, ohne Schnörkel, ohne sieben Schichten, ohne komplexe Arbeitsschritte. Und ja, da ist Crème fraîche in der Zitronencreme, quelle Frevel – liebe Franzosen, ihr müsst jetzt stark sein. Macht am Besten die Augen zu.

Für alle anderen dagegen gilt: Bitte Mund auf, Zitronentartestück auf der Zunge zergehen lassen, kurz mal die Füße hochlegen und kontemplativ genießen. Muss ja nicht immer komplizierter sein als nötig. Morgen machen wir dann wieder kulinarischen Handstand und Spagat.


Zitronentarte nach Nigel Slater

Zutaten:
(für 8 Personen)

Für den Teig:
180 g Mehl
90 g Butter, in Stücken
1 EL Zucker
1 großes Eigelb

Für den Belag:
4 Eier und ein zusätzliches Eigelb
250 g Zucker
2 unbehandelte Zitronen
1 Limette
160 ml Zitronensaft
180 g Crème fraîche
Zubereitung:

1. Für den Teig das Mehl in eine große Schüssel sieben. Die Butter (kalt, in kleinen Stücken) mit den Fingerspitzen in das Mehl einkneten, bis es krümelig wird. Zucker, Eigelb und gerade so viel Wasser zugeben, dass ein fester Teig entsteht – je weniger Wasser, desto besser, weil der Teigboden sonst beim Backen später schrumpft.

2. Den Teig auf ein bemehltes Brett legen, rundklopfen und etwas größer ausrollen als eine 24-cm-Tarteform mit losem Boden (in meinem Fall wurde es eine längliche Tarteform plus 4 kleine Tarteletteförmchen). Den Teig vorsichtig in die Form heben und gut in die Ecken andrücken. Unbedingt darauf achten, dass keine Löcher und Risse entstehen, daher am Besten vorher schon etwas Teig zum Flicken beiseite legen.
Überstehenden Teig abschneiden, die Tarteform für mind. 20 Minuten in den Kühlschrank stellen.

3. Den Backofen auf 200 °C einstellen, ein Backblech darin vorheizen.
Den Teigboden mit Alufolie auslegen, mit Backbohnen (oder anderen Hülsenfrüchten) füllen und auf das heiße Backblech stellen. 20 Minuten backen, dann herausnehmen. Bohnen und Folie entfernen. Noch einmal etwa 5 Minuten in den Ofen stellen, bis sich die Oberfläche trocken anfühlt. Aus dem Ofen nehmen und beiseitestellen.
Den Ofen auf 160 °C herunterschalten.

4. Für den Belag Eier, Eigelb und Zucker in eine Schüssel geben, die Zitronenschale dazureiben. Limetten- und Zitronensaft auspressen und zugießen. Von Hand schlagen, bis die Zutaten gründlich vermischt sind, dann die Crème fraîche unterrühren.
Die Mischung auf den vorgebackenen Boden gießen und vorsichtig in den Ofen schieben. 35 bis 45 Minuten backen, bis der Belag leicht stockt. Im Idealfall wackelt die Mitte noch, wenn man das Blech leicht schüttelt.

5. Die fertige Tarte aus dem Ofen nehmen und gut abkühlen lassen. Aus der Form nehmen und genießen.  

 

 

5 Kommentare zu “Ehrlich währt am längsten: Von den Verlockungen einer schlichten Zitronentarte”

  1. Denise

    Ich finde Créme Fraîche in der Zitronentarte klingt wunderbar! Ich glaube das Rezept wollte ich auch mal nachbacken, hatte mich dann aber doch für eine klassische Tarte au Citron (ohne Créme Fraîche) entschieden. Irgendwas sagt mir aber, dass diese Variante hier besser ist :)

  2. Claus

    Nigel ist ein Genie

  3. Sophie

    Claus, du sagst es!

  4. Rita

    Du hast es mal wieder erfasst, pur und klar! Kleine Foodpoetin, Du!
    Tarte gibt’s dann auch noch die Woche, sobald ich in der Provinz ordentliche Zitronen gesichtet habe!

    Grüße
    Rita

  5. Leonie

    Zitronentarte ist einer meiner absoluten Lieblingskuchen und dein Rezept liest sich ziemlich, ziemlich gut! :) Obwohl Zitronentarte ja eigentlich sehr sommerlich ist, es hier gerade in Strömen regnet und ich überlege die Heizung anzuschalten (:D) könnte ich davon jetzt ein Stück vertragen. Yammi!


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