Es gibt eine neue Bibel.

Ihr Name ist „Plenty.“ Oder „Genussvoll vegetarisch“.

Über den (deutschen) Titel gibt es bereits ganze Streitschriften, in die ich mich aber erst gar nicht einklinken möchte.

Am Buch selbst jedoch kommt man derzeit kaum vorbei. Es sei denn, man mag kein Gemüse. Dann sollte man jetzt z.B. weiter zur Rezension von Wolfgang Müllers „Schwein“ klicken (wobei ich wetten möchte, dass auch Müller sein Gemüse isst).

Gemüseliebende Allesfresser (wie der Tagesspiegel Yotam Ottolenghi vor kurzem titutlierte) dagegen kommen bei Ottolenghi voll auf ihre Kosten.

Als ebenfalls bekennender Gemüsefan mit gelegentlichen Steak- und Schinkengelüsten ist mir Yotam Ottolenghis lässiger Zugang zum Thema „Green Food“ bzw. bewusste Ernährung grundsympathisch. Nur wenige schaffen es, ein vegetarisches Kochbuch zu schreiben, das so vielseitig und facettenreich ist und dabei ganz ohne Bekehrungs-Anekdoten oder altklugen Dogmatismus auskommt. Der Erfolg der erst seit wenigen Wochen auf dem deutschen Markt erhältlichen, übersetzten Ausgabe ist daher ein verdienter – vor allem aber auch die logische Fortsetzung einer Tendenz, die sich seit ein paar Jahren, verstärkt aber seit letztem Jahr, in der Food-Szene breit macht und auch bei der Masse (oder sagen wir im oberen Drittel) angekommen zu sein scheint.

Gesünder, farbenfroher, fleischloser, nachhaltiger soll das Essen auf einmal sein. Nicht jeder braucht diesen Fingerzeig so nachdrücklich, aber dem ein oder anderen Bratmaxe-Addict tut das sicherlich gut.

Kritik am „Green Hype“ hin oder her (siehe unten), eines muss man Ottolenghi und seinen Mitstreitern lassen: Sie haben es geschafft, Gemüse wieder salonfähig zu machen – und damit meine ich nicht ein paar Quoten-Julienne neben dem fetten Lammcarré an Kartoffelgratin. Ottolenghi lässt das Gemüse endlich wieder leben, anstatt es in mikroskopische Bestandteile zu zerlegen, zu Schäumchen oder Essenzen zu verwursten (verwursten, ha!) oder schlichtweg zu verkochen. Und er gesteht ihm die Hauptrolle zu (ohne die Option auf die Nebenrolle kategorisch auszuklammern).

Dass andere Autoren und Köche nachziehen (oder bereits vor Ottolenghi diese Philosophie vertraten, das darf man bei der ganzen Ikonenbildung nicht vergessen), ist derzeit kaum zu übersehen. Gefühlt kommt alle zwei Wochen ein neues vegetarisches oder vegetabiles Kochbuch auf den Markt. Nicht jedes Buch hält, was es verspricht, vieles ist auch einfach den (temporären?) Marktbedürfnissen geschuldet.

So ist aus einem Trend ein bisschen ein Zwang geworden, manifestiert in Bestellern wie Karen Duves „Anständig essen“ oder der Ekel-Bibel 2010, „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer. Bücher wie diese holen all jene ab, die nach jahrelanger Völlerei das schlechte Gewissen plagt und die sich nun zur Strafe bereitwillig geisseln (natürlich ist das jetzt ein bisschen überspitzt, denn im Grunde haben Foer, Duve & Co. mit ihrer Kritik an der Massentierhaltung und deren Auswirkungen auf Mensch und Natur zweifelsfrei recht). Wer das gerne tun möchte: Bitte. Allen anderen empfehle ich den ottolenghischen Gestus.

Dass er eigentlich gar kein Vegetarier ist, hat Yotam Ottolenghi immer wieder betont – sehr zum Missfallen der orthodoxen Vegetarier, die erboste Briefe an den „Guardian“ schickten, als der von der Presse zum „Pionier“ und „New Vegetarian“ stilisierte Wahl-Londoner dann doch passende Fleischempfehlungen zur Rohkost gab. Ottolenghi langt auch gern mal in die Vollen (heißt: zum Braten), in die elitäre Riege der Kaninchenfutter-Dogmatiker wollte er sich jedenfalls nie einreihen. Das macht ihn zum idealen Leitbild (nicht: Halbgott!), weil er vorlebt, wie der Hase eigentlich zu laufen hat: Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon, Kürbis im Herbst, Spargel im Frühjahr (und nicht andersherum), frischen Fisch aus Wildfang und Fleisch, ja gerne, aber nicht immer und immer öfter aus moralisch vertretbarer Aufzucht.

Das ist eigentlich gar nicht so neu, wird aber – ähnlich wie früher die Predigten der Kirche – oft nur rezipiert und nicht gelebt.

Zu Recht bemängeln Kritiker wie Jürgen Dollase oder Annick Payne den schrill-violetten, barbyesken Watte-Einband und die abgeschmackte deutsche Titulierung: Optisch und schlagworttechnisch kann „Genussvoll vegetarisch“ keinesweges mit der Originalversion mithalten, stattdessen schrammt sie mehr als nur haarscharf am eigentlichen Geist des Buches vorbei. „Plenty“ (Reichtum, Überfluss) dagegen verspricht mit seiner reduzierten Optik in Weiß und Gold sowie dem stilvoll-stylishen Gemüse-Artwork das, was später der Inhalt einlöst: Was hier gekocht wird, ist frisch, klar, schnörkellos – und doch edel, raffiniert, lustvoll. Alles andere als Verzicht also!

Trotz (verständlicher) Abneigung gegen schlechten Geschmack und damit unverhohlener Kritik an der DK-Redaktion darf man jedoch nicht vergessen, dass bei Entscheidungen zu Umschlag, Titel und Konzept immer auch vertriebsbedingte Aspekte eine Rolle spielen, die wiederum auf Massengeschmack und nationale Marktzwänge zurückzuführen sind. Wer weiß, vielleicht mögen wir Deutschen keine weißen Bücher, weil man die Fettflecken darauf so schnell sieht?

Überspringen wir also, wie anfangs beabsichtigt, die ins Leere führende Debatte zum Bucheinband und umgehen das Ganze, indem wir „Genussvoll vegetarisch Schrägstrich Plenty“ stets aufgeschlagen auf dem Küchentisch liegen lassen.

7 Kommentare zu “Yotam Ottolenghi: Genussvoll vegetarisch”

  1. Cucina Piccina » Blog Archive » Do you Ottolenghi? Gurkensalat nach Mr. „New Vegetarian“ mit wasabischarfem Tofu

    [...] ganz ohne Bekehrungs-Anekdoten oder altklugen Dogmatismus auskommt. Wer mehr dazu lesen will, bitte hier [...]

  2. missboulette

    Danke für die gelungene Renzension. Nun schwappt der – meiner Meinung nach etwas übertriebene – Hype vollends rüber. Die Küche ist zweifelsfrei gut, aber beispielsweise für einen schlichten Bohnensalat von Kritiken fast vergöttert zu werden ziemlich übertrieben. Auch darauf bezogen sollte sich langsam Lässigkeit ausbreiten.

  3. Sophie

    Ja, ich weiß, was du meinst. Man kann auch ohne das Buch frisch und farbenfroh kochen, der Hype ist ein wenig too much. Ich nehme seine Gerichte einfach als Inspiration, das ein oder andere lässt sich aber auch sicherlich noch verbessern. ;-)

  4. Evi

    Hier steht das Buch seit es auf englisch rausgekommen ist, ich hätte auch schonmal was drüber schreiben sollen.

    An dem Einband konnte ich einfach nicht vorbei, das ist ein Buch zum Anfassen und gestalterisch geil finden, meistens steht es vor meinem Kochbücherregal quer, damit man auch was davon hat. ;) Mir als gemüseliebenden Allesfresser sagt der ottolenghische Ansatz sehr zu, jetzt im Frühjahr werde ich das Buch wohl wieder öfter aufschlagen. Den Umschlag kann man übrigens halbwegs gut abwischen. ;)

    Ich habe mich übrigens schon beim Kauf des Buches gefragt, wie ich den Titel übersetzen würde. Die Amerikanistin in mir kann nicht anders. Ich bin bisher nicht auf einen zufriedenstellenden Titel gekommen, mit “Genussvoll vegetarisch” bin ich allerdings nicht unbedingt glücklich, eben weil dieser dem undogmatischen Ansatz von Ottolenghi nicht gerecht wird.

  5. Evi

    Achja, und den Hype, den finde ich ebenfalls milde übertrieben. Aber ein nettes Kochbuch isses, zweifelsfrei. ;)

  6. Cucina Piccina » Blog Archive » Ottolenghi zu Besuch im Biergarten oder: Grillhend’l mit Quinoa-Radieschen-Avocado-Salat

    [...] kurz nach München, um sich ein Grillhend’l zu gönnen. Denn wie wir wissen, kann der gute Ottolenghi nicht immer nur Grüngemüs’ essen, sondern braucht ab und zu auch mal was Ordentliches [...]

  7. helma

    je mehr ich daraus koche, desto mehr verstehe ich den hype, in sachen gmuese hat er kaum konkurrenz, oder doch? und: super rezension!


Schreibe einen Kommentar: