Manche Geschichten sind so herzwärmend, dass man sie einfach erzählen muss. Habt ihr etwas Zeit? Dann schenkt euch ein Glas Wein ein und lest das hier.

Es ist vielleicht drei, vier Wochen her, ich war gerade frisch eingezogen in die WG in Hamburg, alles noch so leer – die Wohnung, mein neues Adressbuch, mein Kopf, der Kühlschrank. Meine Vorgängerin hatte wie schon erwähnt elementares Mobiliar nebst  diverser Gebrauchsgegenstände mitgenommen, Töpfe, Pfannen, Küchentücher, die Waschmaschine und eine gewisse Grundordnung. Nicht einmal einen Korkenzieher besaßen wir, WIE BITTESCHÖN SOLL MAN DENN DA SEINE EINSAMKEIT IN WEIN ERTRÄNKEN?!

Da Max nicht da war und auch ad hoc nichts gegen den offensichtlichen Misstand tun konnte, klingelte ich mich also durch das Mietshaus. In keiner Etage war jemand anzutreffen. Bis ich im Erdgeschoß ankam und linkerhand klopfte. Ein wenig verdutzt machte mir eine junge Frau mit Beatles-Frisur auf, legte den Finger an die Lippen – der “Kleine” schlafe – und sah mich fragend an. Ich leierte also meinen Satz herunter, “hallo…tschuldige für die Störung..bin neu hier eingezogen…wollte mich vorstellen…und fragen, ob ich nicht zufällig einen Korkenzieher als kurze Leihgabe…” Die junge Frau verschwand kurz in der Wohnung und kam mit dem heiß ersehnten Teil in der Hand zurück. Wir verabredeten, dass ich den Korkenzieher später in den Buggy vor der Tür legen würde, um den Kleinen nicht aufzuwecken.

Einige Tage später früh am Morgen, ich war gerade dabei, mich fertig zu machen, klopfte es zaghaft an unsere Wohungstür. Da das Haus sehr hellhörig ist und ein “Klopfen” normalerweise nur bedeutet, dass der Nachbar vom Tisch aufgestanden ist, ignorierte ich das Geräusch. Bis es noch einmal klopfte, und noch einmal. Ich öffnete also die Tür. Vor mir stand die junge Frau aus dem Erdgeschoß, mit einem noch sehr verschlafenen kleinen Jungen auf dem Arm und bat mich um Milch. Der Kleine hatte in einer nächtlichen Durstattacke den gesamten Vorrat leer getrunken und nun war das morgendliche Müsli in Gefahr. Wir wiederum hatten natürlich noch welche – ich trinke nachts selten literweise Milch – und so zogen Mutter und Sohn beglückt ihrer Wege, so wie ich vor ein paar Tagen.

Na, schon etwas müde von den vielen schwarzen Zeichen? Die Geschichte geht aber noch weiter.

Wiederum einige Tage später kam ich von einem langen Arbeitstag nach Hause, in Erwartung eines schnellen Abendessens nebst des obligatorischen Glases Weins zum Herunterkommen (sorry, ich brauche das momentan!). Während ich also mein Gemüse schnippelte, wollte ich mir schon mal einen Schluck einschenken, suchte nach dem 1-Euro-Plasteteil, das Max vor 2 Tagen besorgt hatte – und fand das hier auf der Ablage:


Ein Korkenzieher. Wo kam der denn her? Ich sah noch mal genauer hin:


Ich kann euch gar nicht sagen, wie gerührt ich in diesem Moment war!!

Epilog:
Vor ein paar Tagen traf ich im Flur auf Lina und Matthis und Matthis’ Papa.  Sie kamen gerade vom Weintrinken (die Eltern) und Flammkuchenessen (alle drei) und man sah Matthis an, das es ihm geschmeckt hatte, denn sein Mund war noch ganz verschmiert von der Balsamicocreme. Natürlich fremdelte er erst ein wenig (hey, sei nett, die Tante hat dir Milch gegeben!), guckte weg, guckte wieder her, guckte wieder weg. Aber als ich schon auf dem Treppenabsatz war und noch einmal winkte – da hob er sein Patschehändchen und wedelte mir damit zu.

Noch mal gerührt!

Unnötig zu sagen, dass ich nun jedes Mal, wenn ich eine Flasche Wein öffne, an den kleinen durstigen Matthis denken muss.

5 Kommentare zu “Wie ich einmal Milchmädchen spielte…..”

  1. Paul Fritze

    Wirklich eine schöne Geschichte und ich trank wie befohlen Wein zum Lesen :-) Es ist schon wunderbar wie so kleine Aufmerksamkeiten hinter denen ein “bisschen Gedanke” steht das Herz kurz springen lässt. Schön.

  2. Sophie

    Ja, genau so seh ich das auch. Eigentlich ein Ansporn, anderen Menschen öfter zu zeigen, dass man an sie denkt….

  3. Stefan

    Eine tolle Geschichte. Sie hat mein einsames Mittagessen (belegtes Brot + Mineralwasser) enorm bereichert. Danke!

  4. Sophie

    @Stefan: Bitte, gern geschehen ;-) Vielleicht hättest du zu deinem Brot besser ein Glas Milch trinken sollen…

  5. Micha

    Solche Geschichten sind herzerwärmend!Und du hast sie auch schön erzählt. Ich bin durch LinkWithin hierher gerutscht -aber solche Geschichten bleiben ja aktuell ;)


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