Rom im August

Es gibt ein paar Dinge, die man unbedingt mal gemacht haben muss – auch wenn die meisten Menschen einem dabei wahrscheinlich einen Vogel zeigen. Rom im August besuchen gehört (neben Fallschirm springen, Heuschrecken essen, bei 5 ° C in Norwegische Seen springen oder um 4 Uhr morgens den Herd anschmeissen) eindeutig dazu.

Ähnlich wie bei anderen Erfahrungen etwas schräger Natur ist dafür ein gewisser Hang zum Nonkonformismus unabdingbar. Außerdem bedarf es leichter masochistischer Neigungen und zudem der Bereitschaft, eventuelle Unwägbarkeiten in Kauf zu nehmen.

Die vierte Komponente ist deutlich unanstrengender: Man sollte Hunger haben. Rom ist immer gut für Hunger, egal ob im Januar, Mai, November oder auch August. Das lässt sich ganz einfach belegen:

Aber ich zäume das Pferd mal wieder von hinten auf. Beginnen wir von vorne.

Als ich Ende Juli ein Wiedersehen mit meinem ehemaligen Florentiner WG-Mitbewohner/inzwischen Wahl-Römer/und im übrigen waschechten Sizilianer plante, war ich mir keinesfalls sicher, auf was dieser Trip hinauslaufen würde. Eines war allerdings klar: Es würde Spaß machen.

Allerdings sollte man sich bewusst machen, dass Rom im August ungefähr so aussieht wie eine Keksdose nach einem Kindergeburtstag: Leer!

Will man also auf seine Kosten kommen, muss man sich die Kekse selber backen.

Teil 1: Pigneto

Der Sizilianer hatte mich zwar gewarnt, dennoch war ich leicht geschockt angesichts der barbarischen Temperaturen – 38 °C più o meno.

Anfänglich aufkeimende Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Unternehmens konnten jedoch rasch mit ein paar Sprizz heruntergespült werden, begleitet von kalabrischen Spezialitäten auf Peperoncino-Basis: Bei hohen Temperaturen soll man ja bekanntlich scharf essen.
Extremely spicy: Nduja. Wer die kalabresische „Streichsalami“ noch nie gegessen hat, kann das abseits von Kalabrien z.B. im Malavite in der Via del Pigneto tun. Das kleine locale gibt es erst seit 2, 3 Monaten und ist daher selbst unter Römern noch ein echter Geheimtipp. Am besten bestellt man das Aperitivo-Paket mit Formaggi e Salumi Calabresi di Norcia plus wahlweise Bier/Wein/ Sprizz oder Cocktail.

Danach ist man grundangeheitert und kann weiterziehen. Zum Beispiel ins Necci, einer seit 1924 bestehenden Bar/Gelateria/Osteria/Ristorante an der Ecke zur Via Fanfulla da Lodi, die mit den Jahren ein beliebtes Restaurant und irgendwann DER Hotspot der römischen Kult(ur)-Szene wurde. Besonders gerne schmückt man sich dort mit Pier Paolo Pasolini, der Ende der 50er Jahre im Pigneto seinen Film “Accattone” drehte und jeden Mittag im Necci einkehrte, um sich dort seine Pasta zu Gemüte zu führen. Ob damals auch schon Tonno Scottato con Caponata di Melanzane, Pomodori e Cipolla Rossa auf der Speisekarte stand, kann ich nicht sagen. Dass der von beiden Seiten scharf angebratene, innen noch rohe Thunfisch auf einem Bett aus süßsaurem Auberginen-Tomaten-Zwiebel-Gemüse zum Niederknien gut war, steht hingegen außer Frage.

Das da unten ist übrigens nicht Pasolini, sondern ein anderes hohes Dekor.

Frühstücken kann man im Necci natürlich auch ….

… allerdings sollte man sich nicht auf Müsli einstellen, bestenfalls auf Äpfel im Blätterteig.

Tatsächlich ist das Zeug im Necci äußerst verführerisch – und deutlich befriedigender als das spartanische Morgengedeck, dass mir der verschlafene Sizilianer 4 Tage lang bereitete. Jeden Tag wurde aufs Neue ausgeknobelt, wer das schwarze und wer das weiße Schaf ist.
Übrigens, wusstet ihr, dass man von zu viel Mokka aus der Alu-Caffettiera Alzheimer bekommt? Besser, man vergisst das gleich wieder …

Teil 2: Beach-Life und San Lorenzo

Rom im August – ich erwähnte es bereits – ist nichts für Zartbeseitete und schon gar nicht für solche, die unter Hitze leiden. Schon morgens um 10 Uhr ist der Asphalt so knalleheiß, dass man darauf seine Pizza backen könnte. Kein Wunder, dass die Römer so bald es geht das Weite suchen und sich fernab der urbanen Ödnis in ihren Zweitresidenzen verschanzen. Allein der Umstand, dass sich der Sizilianer Anfang August beim Umzug den Zeh brach, führte mich nach Rom – andernfalls hätte ich mir wohl in Kalabrien von ihm das Nduja aufs Brot schmieren lassen.

Wie auch immer, an Tag 2 probten auch wir den Ausbruch und machten uns gegen Mittag auf nach Santa Severa, einem (laut Wikipedia) „beliebten Badeort am Tyrrhenischen Meer“. Welches Meer sich da vor mir auftat, war mir allerdings total schnuppe. Hauptsache Meer!!!!

Wir kehrten spät zurück, sahen uns die partita an und aßen in einer etwas kaschemmigen Trattoria zu Abend: Pasta romana, einmal alla carbonara und dann natürlich cacio e pepe.

Es folgten ein espressio doppio und ein Absacker in einer der Bars von San Lorenzo, Roms alternativem Studentenviertel, das auf eine sehr skurrile Art leer war. August eben.

Empfehlenswert ist übrigens auch der Strand von Fregene, an dem man nicht nur super frittura essen, sondern auch den Windsurfern beim Himmelverschönern zugucken kann.

Teil 3: Trastevere und Arriccia

 

 

Am Freitag beschlossen wir, der Stadt die Stirn zu bieten. Wir begannen mit einem späten Frühstück in Trastevere. So gegen 14.30 Uhr. Birreta & bruschetta. Irgendwann ein Sprizz. Für den Sizilianer einen Caffè Shakerato mit Baileys. Wilde Diskussionen. Heißes Pläne schmieden. Wieder hervorgezogene Erinnerungen. Noch ‘nen Sprizz für die Signorina. Noch ein Bier für den Signore.

Dies ist wohl der Moment, an dem ich zugeben sollte, dass es sich bei dem als WG-Revival getarnten Rombesuch in Wahrheit um ein Treffen der praktizierenden Alkoholiker handelte.

Und was ihr auch noch nicht wusstet: Aperol wirkt bewusstseinserweiternd. Man sieht auf einmal ganz wunderbare Dinge, die einem im nüchternen Zustand vielleicht entgangen wären …

Mehr bewusstseinserweiternde Substanzen wurden am späten Abend eingenommen, und zwar in Form gehöriger Schweinereien.

Der Sizilianer hatte sich in den Kopf gesetzt, mich mit mindestens 2 Kilo mehr auf den Rippen ins kalte Deutschland zurückzuschicken, „damit du nicht so frierst“. Was lag also näher, als mich in Arriccia zu mästen, der Hocbburg der porchetta?

Die Auswahl an Restaurants in Arriccia ist ziemlich groß und konzentriert sich auf einen kleinen Fleck im historischen Teil des Städtchen. Im Herbst, wenn auch die sagre di porchetta stattfinden, sollte man besser einen Tisch reservieren, z.B. in der Osteria da Beghila (0039/ 3497353378).

Ich finde es äußerst amüsant, dass die Italiener so einen Wirbel um Schweinebraten/ Spanferkel machen. Das tun sie sowohl im Ausland (sprecht mal einen Italiener auf deutsches Essen an: Er wird euch mit leuchtenden Augen von dem stinco di maiale (Schweinshaxen) erzählen, das er anno dazumal auf dem Oktoberfest gegessen hat) als auch auf Sardinien (dort ist es das porcheddu, um das sich alles dreht) oder in Mittelitalien. Die Formel, die jeden waschechten Römer glücklich macht, lautet: Ein ganzes Schwein wird entbeint, innen mit Salz, Pfeffer und Kräutern gewürzt und dann im Ofen geröstet.

In Arriccia kommt es in Scheiben geschnitten zusammen mit einer Kugel Mozzarella, Bruschette, Würsten, Trockenfleisch und Sott’Oli (in Öl eingelegten Zucchini, Auberginen, Paprika etc.) auf den Tisch – ein fast schon kultisches Szenario, das mich an die urigen Dorffeste meiner Kindheit erinnert und in einem sehr frugalen Ambiente stattfindet. Wer flapsige, gepiercte und von Kopf bis Fuß tättowierte Kellner nicht leiden kann, bei Papptellern und Neonlicht das Grausen bekommt, zudem kein Wort italienisch spricht und außerdem ohne Auto in giro ist, sollte zum porchetta essen besser in Rom bleiben (da gibt es das Spanferkelgedöns natürlich auch).

Ansonsten ist das eine prima Sache, bei der ganz nebenbei auch 1 A-Milieustudien betrieben werden können.

Wer sich mit den flapsigen, gepiercten und tättowierten Kellern gut stellt, bekommt sogar noch einen Amaro aufs Haus …

… den ich nach dem ganzen öligen Gedöns auch dringend notwendig hatte!

Seinen Namen verdankt der Kräuterlikor– by the way – seinem Produktionsort: einer kleinen Distillerie am Capo Vaticano in Kalabrien.

Teil 4: Markt und Straßen stehen verlassen…

 

 

Eigentlich war für den Samstag ein Besuch des riesigen Mercato biologico geplant, von dem mir der Sizilianer schon vor Wochen vorgeschwärmt hatte. Allein, es war August….und auch die Bio-Märkte halten in der heißen Jahreszeit Nahrungssuchenden Tür und Tor verschlossen.

Alle Märkte? Nein! Ein kleiner mercato leistet der urbanen Verödung erfolgreich Widerstand!

Mit ein wenig Recherchearbeit und Fortunas gutem Willen entdeckten wir in einer ehemaligen Metzgerei in Testaccio den Roma Farmer’s Market, ein kleines Biomarkt-Juwel mit frischen Produkten lokaler Erzeuger, einem Bio-Bäcker, Feinkost, Käse, Fleisch, etc. Der Markt findet jeden Samstag und Sonntag statt und lässt Foodie-Herzen höher schlagen.

Dass Mutter Natur eine Italienerin ist, wird spätestens hier klar: Zucchine, pomodori, melanzane….

… und darüber hinaus auch seltene Gemüse- und Salatsorten wie broccoletti selvatici oder cicoria – letzteres ein etwas bitteres, an Löwenzahn oder Mangold erinnerndes Kraut mit robusten Stielen, das erst kurz in Wasser gekocht und dann in der Pfanne wie Spinat zubereitet wird.

Was auf den ersten Blick wie hochgezüchtete Gurken oder gigantomanische Zucchini aussieht, ist in Wahrheit zucca siciliana (auch serpente di Sicilia - sizilianische Schlange – genannt). Am Kilopreis lag’s nicht, dass ich keine der hellgrünen Bomber mitgenommen habe, eher an der Gewichtslimitierung von Ryan Air.

Aus den Einkäufen wurde abends ein schlichtes Mahl gezaubert, dass wir zusammen mit einer Flasche Falanghina auf der abgeschrabbelten Terrasse der noch abgeschrabbelteren Hippie-WG des Sizilianers verspeisten:

Mit Ricotta und Kapern gefüllte Zucchiniblüten (s.o.)

Pecorino stagionato e semistagionato

Melone e salumi

Pane e Olio (Brot und Öl)

Pasta filata (Mozzarella) con pomodori e basilico

frische Feigen und süße blaue Trauben

Fantastische Produkte, deren Qualität man schmeckte! An der Form lässt sich ziemlich deutlich erkennen, dass wir da kein industriell gefertigtes Mozzarella-Imitat vor uns hatten, sondern handgeknetete und -gezogene pasta filata!

Nix Kugel, sondern liebevoll gewickelter formaggio artigianale also. Großartig!

Authentische Produkte und zudem eine typisch römische Küche bekommt man auch in der Osteria/Pizzeria/ Griglieriapinsa e buoi dei… unweit der Basilica di San Giovanni in Laterano. Die Pizza dort ist der alten römischen Tradition entsprechend nicht rund, sondern oval!

Teil 5: Eis!

 

 

Passt bei so einem Programm noch ein Eis rein? Ich war mir nicht sicher …

Eisdielen gibt es in Rom natürlich wie Sand am Meer. Allerdings schmeckt das meiste Zeug für meinen Gusto viel zu süß, viel zu fettig und überhaupt: Bäh! Deswegen fiel mir der Verzicht nicht schwer. Dachte ich.

Bei Carlas Eis wurde ich innerhalb von Sekunden schwach. Die kleine Gelateria in Pigneto hat sich auf köstliche Kreationen aus Spitzenprodukten spezialisiert: Die Mandeln für das Mandeleis kommen aus Avola, die Pistazien für das Pistazieneis aus Bronte, die Schokolade aus Valrhona, die Walnüsse aus Sorrento, usw. Zugegeben, die Gelaterio il Capriccio di Carla liegt nicht unbedingt zentrumsnah, aber hey, es lohnt sich!

Und dann war da noch die in letzter Minute entdeckte Sensations-Eisdiele der Traditionschocolaterie Venchi unweit der Piazza di Spagna, in die ich mehr durch Zufall denn aus Eishunger stolperte. Wie kann man da widerstehen???!

Genial sind die diversen Schokoladensorten (80 %, ohne Milch!!!!), aber auch Joghurt oder Himbeere sind echte Knaller.

Teil 6: Von Seen und Auf Wiedersehen

 

Der letzte Abend gehörte einem ganz besonderen Ort:

Dem Lago di Martignano – einem kleinen See vulkanischen Ursprungs, den man mit dem Auto von Rom aus in einer guten halben Stunde und dann per pedes über einen leicht staubigen, aber durchaus machbaren Abstieg erreichen kann.

Worin das Besondere dieses kleinen Paradieses liegt, lässt sich nur schwer in Worte fassen – man muss selbst dagewesen sein!

Die Leute – Roms alternative Szenepeople – sind entspannt, das Wasser ist einfach perfekt und der Sprizz günstig. That’s the place to be!

Auf dem Weg zum Flughafen Ciampino fiel mir ein, dass ich dieses Mal weder meine Hand in die Bocca della Verità gelegt noch eine Münze in die Fontana di Trevi geworfen hatte. „Minchia“ hätte der Sizilianer gesagt.

 

10 Kommentare zu “Rom im August”

  1. Denise

    Ach fantastisch! Ich danke dir für diesen Bericht, der Rom mal abseits der Touristenpfade und (noch viel wichtiger) aus kulinarischer Perspektive betrachtet. Für mich geht’s in ein paar Tagen hin und jetzt habe ich wieder ein paar neue places-to-eat auf meiner Liste :)

  2. Eline

    rom im august? ist phantastisch, aber nur, wenn man es mit in rom lebenden menschen erfahren kann. selten bin ich wo so an die grenzen meiner ausdauer gestossen (stadtwanderungen um mitternacht, eisessen um drei uhr früh) und habe stadtleben so genossen, wie in rom.
    du weckst mit deinen bildern schönste erinnerungen, danke.

  3. Christina

    Was für ein toller, ausführlicher Bericht! Eigentlich war für dieses Jahr mit meinen beiden Cousinen ein Rom-Tripp geplant, wir waren da alle noch nie, ist aber leider geplatzt. Ich merke mir deine Tipps für den nächsten Versuch vor. Und irgendwie dünkt es mir, dass Dein Allheilmittel auch mein Allheilmittel ist… ;-)

  4. dea

    hehe, das ist wohl so gewesen, wie mein letzter sommerurlaub: istanbul im juli! definitiv NICHT zu empfehlen!

  5. Küchenschabe

    Eine wunderschöne Geschichte und so schöne Fotos: ich hab zwar immer gesagt “Rom muss ich nicht haben”, aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher … ich will SOFORT ein Spanferkel haben – ich bin spanferkelsüchtig und dieses eine Foto da …

  6. zorra

    Danke fürs Mitnehmen, auch bei mir sind schöne Erinnerungen aufgekommen. War auch schon im August in Rom.

  7. Mini-Küche

    Wow, was für ein Bericht! Vielen Dank fürs Mitnehmen aber was mache ich jetzt mit meinem Fernweh? :)

  8. Sophie

    @ Denise: Das ist ja spitze! Viel Spaß – e buon appetito!
    @ Eline: Ja, Rom bei Nacht ist Gänsehaut pur. Aber du hast Recht, man braucht Römer an seiner Seite.
    @ Christina: Ich fürchte auch… ;-) Wir sollten mal ein Treffen planen.
    @ Dea: Istanbul fehlt mir auch noch auf meiner Liste der „most desirable things to do“. Musste unbedingt erzählen!
    @ Küchenschabe: Rom MUSS man haben! :-) Spanferkel sowieso…
    @ Zorra: Das freut mich sehr!
    @ Mini-Küche: Einpacken, konservieren, bei der erstbesten Gelegenheit rausholen! :-)

  9. Christina

    Sophie, u.n.b.e.d.i.n.g.t.! :-)

  10. magid

    sehr tolle fotos!!!


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