Oude Kaas aus Amsterdam

Ich beende die temporäre Sendepause mit einem kulinarischen Reisebericht und einem Käseteller. Käseteller kann jeder, das ist mir schon klar. Aber in diesem Fall handelt es sich um 1A nicht geruchsneutralen Edelstoff.

Fast hätte es unsere holländische Beute nicht bis nach München geschafft. Immerhin bestand berechtigter Grund zur Sorge, als wir mit über einer Stunde Verspätung abhoben. Schon am Flughafen Schiphol stank H.’s Koffer zum Himmel, ganz zu schweigen von der Ankunft in München und dem Moment, als der Koffer geöffnet wurde…..

Das haarscharfe Überleben unseres Importkäses wurde daher ausgiebig mit einem Glas Wein und den üblichen Verdächtigen – Datteln, Nüsse, Feigen, Trauben – gefeiert.

Wir haben diesmal ausnahmsweise mal keine Pläne gemacht und uns einfach treiben lassen. Für ein paar entspannende Tage ohne „muss“ und „soll“ ist Amsterdam einfach perfekt.

Eigentlich ist Fahrradfahren hier Pflicht. Trotzdem entschieden wir uns für Schusters Rappen, wir wollten ja schließlich Entschleunigung.

Amsterdam per pedes erkunden hat außerdem einen ungemeinen Vorteil: Man kann futtern, was das Zeug hält, ohne ein (allzu) schlechtes Gewissen zu bekommen. Denn in 1. Linie waren unsere 4 1/2 Tage vor allem eines:

…. und auch die Tatsache, dass ich jeden Tag brav meine Portion Obst gegessen habe, konnte die vielen kleinen Sünden nicht tilgen.

Am ersten Abend regnete es in Strömen. Wir saßen trotzdem draußen und pulten Flusskrebse in der Tapas Bar Catala, die trotz später Stunde auch noch eine 2. Runde Hauswein mitmachte. Spät heißt hier unter der Woche übrigens 22 Uhr (???), was jedoch daran liegt, dass man sich bis Mittwoch noch vom Wochenende erholt.

Unbedingt probieren: Die Gemüse-Tapas aus der Vitrine. Und dann den Knoblauch-Petersilien-Sud der gebratenen Pilze mit dem Brot auftunken.

Das Frühstück im Hostel kann man getrost knicken. Wer steht schon auf labbrigen Toast und Kanister-Kaffee, wenn man einen geilen Caffè latte und ein göttliches pastry haben kann? Die zahlreichen kleinen Bars und Cafès der Stadt sind einfach viel zu verführerisch, um nur daran vorbeizugehen.

Ganz bezaubernd fanden wir unter anderem das Cafè Brecht, eine von zahlreichen Wohnzimmerkneipen, die in den letzten Jahren überall wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

Und irgendwie fühlt man sich tatsächlich ein wenig wie zuhause…..

Gleich zweimal waren wir im Latei in der Nähe des Nieuwmarkts, schon allein um des köstlichen Cappuccinos willen, der von überaus hübschen Damen mit ebenso viel Liebe zubereitet wird wie die Brownies und die zentimeterdicken Bio-Käsebrote auf dem morgendlichen Frühstücksteller.

Ein frischgepresster Orangensaft dazu und dann glücklich sein!

… und zugucken, wie’s geschmiert wird.

Unvergessen, leider aber unfotografiert: Die indonesische Reistafel im Sampurna – eindeutig das kulinarische Highlight unseres Kurztrips. Was uns in dem direkt am Flowermarket gelegenen indonesischen Restaurant geboten wurde, spottet jeder Beschreibung (und allem, was man uns hier in Deutschland bislang als indonesisch verkauft hat). Allerdings wusste ich vor dem Trip auch nicht, dass die Rijsttafel weniger eine indonesische denn eine holländische Sache ist: ein Festessen, dass zur Kolonialzeit in Indonesien entstand und bis heute als das heimliche National-„gericht“ gilt.

40 Speisen waren es zwar nicht, aber auch so hatten wir mit der Kuning Rijsttafel (scharf!) ordentlich zu tun – und zu staunen. Ich fürchte, ich muss mir nun auch noch ein indonesisches Kochbuch besorgen!

Wir verspeisten in Demut:

NASI KUNING – gelber Safranreis voller Gewürze, ein Knaller!

AYAM RUYAK – Hühnchen in roter Kokosnusssauce

RENDANG – scharfes Rindfleisch nach Sumatra-Art

AYAM GORENG KERING – frittierte Hähnchenstücke mit Chilisauce

SATE SAPI – Satè vom geschmorte Rindfleisch in einer süßlich-dicklichen Sojasauce, zum Niederknien!

SAYUR LODEH – Gemüse in Kokosnussmilch

LALAPTIMUN – scharfer (yes!) Salat mit Tomaten und Gurken

SAMBAL GORENG TELOR – Eier in mild gewürzter Kokosnusssauce

TAHU TEMPEH BLADO – Sojabohnenpudding (ähnlich wie Tofu) in würziger Tomatensauce, tatsächlich lecker

EMPING –  Belinjonuss-Chips

SERUNDENG –  geröstete Kokosflocken mit gemahlenen Erdnüssen, die über den Reis gestreut werden

SAMBAL GORENG TEMPEH – knusprig gebratener Sojabohnenkuchen, wahnsinnig gut!

Man könnte fast meinen, dass wir damit für den Rest unserer Tage befriedigt gewesen wären.

Leider lauerte die nächste Verführung bereits an der nächsten Straßenecke, in Form des willenbrechenden Teilchen-Teufels. Walnuss-Karamell-Törtchen! Brownies! Mandelcroissants!

Danach braucht man keinen Lunch mehr, verspricht mir die Inhaberin des kleinen Pâtisserie-Cafès Goede Soet, der man die Leidenschaft für Süßigkeiten natürlich nicht ansieht (wäre ich allerdings dort angestellt….). Das passt sich prima, denn so langsam geht uns das Taschengeld aus.

Nach so viel Völlerei fragen wir uns kurz, ob wir nicht allmählich eine Verschönerungskur nötig haben …

…. ach, nö!

Stattdessen gehen wir lieber noch ein paar Pintxos im zuckersüßen Stadtteil Jordaan essen.

Pintxos (spanisch „Pinchos“, gesprochen Pintschos) sind kleine Häppchen – ähnlich wie Tapas, nur etwas aufwändiger zubereitet. Der Name stammt von dem spanischen Wort für „Spieß“. Warum sie so heißen, wird einem spätestens klar, wenn man einen Blick in die opulente Auslage des Oliva geworfen hat.

Erstaunlich, was man alles so auf eine Scheibe Brot stapeln kann: Von der einfachen Serranoschinken- oder Gemüse-Auflage bis hin zu dekadenteren Versionen mit frittierten Lammkoteletts oder einer wuchtigen Garnelen-Mangomayonnaise-Pata Negra-Mischung war alles dabei.

Während H. sich an seiner Auswahl verlustierte, widmete ich mich einem alten Bekannten aus Leipziger Zeiten: Dem Basa, einem galizischen Wein aus der autochthonen Godello-Traube, den ich oft in der Barcelona getrunken habe …

… und der mir immer noch außerordentlich gut schmeckt!

Nicht ganz so lecker war leider unser letzter Abend, wenngleich wir das Konzept von Balthazar’s Keuken wirklich klasse fanden. 1 Küche, 3 Gänge, 4 Freunde und jede Menge Ideen – eigentlich kann da ja nix schief gehen. Richtig gut war’s leider nicht, weder Wein noch Essen …

… aber die Küche würd’ ich glatt (über-)nehmen.

Zu gern hätten wir uns auf dem Albert Cuyp Market noch mit frischem Fisch (zu Spottpreisen) eingedeckt, aber H.’s berechtigter Einwand die prekären Lieferungsbedingungen betreffend hat mich schließlich davon überzeugt, es beim Käse zu belassen.

Am Ende waren wir ein bisschen platt. Aber das gehört schließlich auch dazu.

Die Adressen der kulinarischen Anlaufstellen findet ihr hier:

Tapas Bar Catala
Spuistraat 299
1012 VS Amsterdam

Latei
Zeedijk 143
1012 AW Amsterdam (in der Nähe des Nieuwmarktes)
www.latei.net

Sampurna – Indonesian Cuisine
Singel 498, C Amsterdam (direkt am Blumenmarkt)
www.sampurna.com

La Oliva – Pintxos y Vinos
Egelantiersstraat 122
1015 PR Amsterdam
www.laoliva.nl

De Engelbewaarder
Kloveniersburgwal 59
1011 J2 Amsterdam
www.cafe-de-engelbewaarder.nl

Cafè Katoen
Oude turfmarkt 153
1012 GC Amsterdam
www.goodfoodgroup.nl

Balthazar’s Keuken
Elandsgracht 108
1016 VA Amsterdam
www.balthazarskeuken.nl

Pâtisserie-Cafè Goede Soet
Keizersgracht 95
1015 CH Amsterdam

3 Kommentare zu “Oude Kaas aus Amsterdam”

  1. Eline

    Du bist eine phantastische Reisefuehrerin!

  2. Sophie

    Eline, vielen Dank! Ich werde das mal in’s Auge fassen, vielleicht als 2. Standbein ;-)

  3. Ellja

    Da kann man mal sehen, wie groß Amsterdam wirklich ist…. all Deine Tipps hab ich verpasst :-)


Schreibe einen Kommentar: