Alice im kulinarischen Wunderland wohnt nach Angaben eines namhaften virtuellen Kartendienstes läppische 17,2 km von mir entfernt. Trotzdem kennen wir uns nicht. Oder sagen wir, wir kennen nur unser jeweiliges digitales Ich.
Das liegt wahrscheinlich an unserer äußerst zeitraubenden zeitintensiven Beschäftigung mit so wichtigen Dingen wie Essen und Kochen. Alice kocht (und isst) täglich, bloggt fast ebenso häufig und engagiert sich ehrenvollst für die Ehrenrettung des Senfes. Ich esse täglich, koche wann immer es mein vollgestopfter Zeitplan ermöglicht, ja und bloggen tu ich natürlich auch. Engagiert. Nicht täglich. Aber ich mag Senf.

Wobei „mögen“ mein Verhältnis zu Senf nicht ganz trifft. Den Senf und mich verbindet quasi eine ganze Reihe prägender Erlebnisse und ich wüsste nicht, wo ich heute ohne ihn wäre, kulinarisch gesehen.

„Sempfz“ sagte mein kleiner Bruder früher, wenn unsere Regensburger Großmutter das bauchige Senfglas auf den Tisch stellte, das später fein säuberlich ausgespült als kinderhändekompatibles, comicbedrucktes Kühne-Kristall seinen zweiten Frühling erleben durfte. Am meisten Spaß machte es, kalte Wiener durch die gelben Kleckse zu ziehen und expressionistische Kunstwerke auf dem Teller zu hinterlassen. Mein Bruder und ich waren wahre Meister der naiven Senfmalerei und wahrscheinlich hätten wir es auch ordentlich zu was gebracht, wenn uns nicht der Ketchup in die Quere gekommen wäre.

Jahre später – die durch den Ketchup zucker- und salzgeschädigten Rezeptoren haben sich zu dieser Zeit wahrscheinlich wieder weitgehend regeneriert – hatte ich eine zweite ausgeprägte Senfphase. Hungrig wie ein Löwe von ausschweifenden Diskothekenbesuchen heimkehrend, verschlang ich stehend, noch in High Heels und mit verwischter Wimperntusche die berühmt-berüchtigten Sandwiches meines ersten Freundes, großzügig mit Emmentaler und Salat belegt und fingerdick mit scharfem Mostrich bestrichen, der einem das Wasser in die Augen trieb und dem Kater am nächsten Morgen den Wind aus den Segeln nahm.

Die Bindung zwischen Monsieur Senf und mir hat sich seitdem stetig gefestigt. Ich erinnere mich an Leipzig und die Zeit, als ich mich zwischen den Vorlesungen in Feinkostgeschäften herumtrieb, in denen ich meist nichts kaufte außer ein paar Gläsern außergewöhnlichen Senfs, mit Feigen oder Estragon, Cognac oder Preiselbeeren, den meine hippieske WG und ich dann in unserer morbiden Gründerzeit-Villa zu feinstem Aldikäse, diversen Flaschen Rotwein und schrill-bunten Diskussionsrunden verspeisten. An eine Affäre in Paris, aus der ich letztlich nichts mitnahm außer ein paar Gläsern moutarde. Ach, und dann ist da ja auch noch der süße Senf meiner Mama….

Der Senf, wie ich es auch drehe und wende, war schon immer dabei und seiner zentralen Rolle in meinem kulinarischen Bewusstsein muss nun also mit einem Event-Beitrag Tribut gezollt werden.

Auf die Idee, selber Senf zu kochen, wäre ich denn auch im Leben nicht gekommen (siehe Zeitmanagement). So etwas macht man nur, wenn man sich vollends im kulinarischen Wunderland verloren hat – oder aber an einem Blog-Event teilnimmt.

Hagebuttensenf

Zutaten

  • Für 150 ml Senf:
    150 ml Rotwein
    3 TL grober Senf
    3 TL scharfer Senf
    5 EL Hagebuttenmark
  • 50 ml Weißweinessig
    1 TL Senfsaat
  • 1 TL fein gehackter Estragon

Zubereitung

1. Rotwein in einen kleinen Topf geben und auf 25 ml einkochen/reduzieren lassen. Alle Zutaten mit in den Topf geben und gut verrühren.

2. Ca. 3 bis 4 Minuten kochen, dann vollständig abkühlen lassen. In saubere und sterilisierte Gläser füllen.

Der Senf passt zu Käse, Schweinefleisch und Wild.

Zubereitungszeit: schnell!

Hier juckt es übrigens nur in den Fingern: ★★★★☆

Quelle: Das Rezept entspringt meiner randvoll mit Zeitschriftenschnipseln angefüllten Wunderkiste und geht vermutlich zurück auf eine doch etwas ältere Ausgabe der Essen & Trinken. Genaues weiss man nicht.

10 Kommentare zu “Juckt nicht, kratzt aber an Erinnerungen: Hagebuttensenf”

  1. einfach ein schönes Leben

    Liebe Sophie,

    Hagebuttensenf kannte ich bisher noch nicht. Wird aber schnell nachgeholt und zwar nachgekocht. Danke für das interessante Rezept.

    Es grüßt aus dem Westen

    Martin

  2. Frau Ziii

    Ich steh auf Deine Hagebuttenfotos und das Rezept klingt spannend. Was gibt´s dazu?
    Lieben Gruß aus Wien von Frau Ziii

  3. Alice

    Guten Morgen liebe Sophie, oder sollte ich sagen “Fastnachbarin”? :-) das ist mir noch gar nicht aufgefallen, dass wir nur 17km auseinanderwohnen ;-) aber das schieb ich jetzt auch mal auf die Zeit *g*

    Auf alle Fälle finde ich es klasse, dass Du für mein Event so einen wunderbaren Hagebuttensenf gebastelt hast. Ich danke Dir dafür! Und wünsche Dir natürlich viel Glück bei der Verlosung.

    Viele Grüße aus Unterschleißheim und ein schönes Wochenende.

    LG Alice

  4. Rike

    Weißt Du was? Das hast Du ganz entzückend geschrieben! Und auch die Bilder verdienen Applaus. Ich liebe Senf und kenne die Abende Anfang der 20er, wo der Sandwichmaker mein bester Freund war. Ganz viele Liebe Grüße und ein wunderschönes Wochende wünscht Dir Rike

  5. voni

    Senf machen ist toll, ich habe letztes Jahr angefangen, dachte, es ist kinderleicht (so war es zumindest bisher). Tja, und dann gestern die dreifache Menge gemacht, Großproduktion, und er wurde zu flüssig. Also nicht nur flüssig, einfach ZU flüssig.
    Und ich war glaub ich zu eilig und habe den Senf nochmal aufgekocht, wird schon eindicken, dacht ich mir. Nun ja, bitter ist er geworden, frürchterlich bitter.
    So ist das, gar nicht schön. Aber wie sagt man so schön: nicht entmutigen lassen, neues Senfpulver kaufen gehen.
    Ich hoffe, diesmal gelingt er besser, und wenn ich schon am Viktualienmarkt bin, um Senfmehl zu besorgen, könnt ich ja gleich noch ein bisserl Hagebuttenmark mitnehmen, und mich an diese Version machen…
    Danke für die Idee…
    Schönes Wochenende,
    Vroni

  6. Corrisande

    Oh Köstlichkeit! Bis vor Kurzem hätte ich die schiere Möglichkeit von Hagebuttensenf vielleicht noch angezweifelt, vor drei Wochen allerdings begegnete er mir schicksalshafterweise im Urlaub: Seither ist er nicht mehr wegzudenken aus meinem Leben und von meinem (Aldi-)käse. :)
    Daß man den allerdings auch selber machen kann (will sagen, realistischerweise, ohne Großküche und Spitzenkochausbildung)… toll, danke für das Rezept :)

  7. Julia

    Was für eine hübsche Idee. Ich liebe Senf auch, habe im letzten Jahr mal einen Estragon-Senf gemacht (und verbloggt) und bin schier verzweifelt. Dazu wurde nämlich nicht fertiger Senf mit Zutaten verrührt, sondern Senfpulver mit Essig und Öl angesetzt etc. Ich glaube bis heute, dass die Mengenangaben im Rezept falsch waren. Heraus kam nämlich eine zuerst zähe, betonartige Masse, die meinen Mixer gecrasht hat. Aber wenn es so “einfach” geht wie bei Deinem Senf, wage ich noch mal einen Versuch. PS: Wie immer sehr hübsche Fotos!

  8. Ellja

    Nach meinen Disco-Nächten gabs das auch, ein weißer Wecken quer aufgeschnitten, käse drauf und ganz dick Senf (von der Eierspeise mit Marmelade erzähl ich nix ;-)… Hagebuttensenf, ganz andere Liga… falls Du die Hagenbutten selber alle entkernt hast: ALLE ACHTUNG! Das ist eine verflixte Arbeit!

  9. Guerson

    Das sieht lecker aus Sophie! Ich liebe Senf. Morgens, Mittags, Abends! :)

  10. Cucina Piccina » Blog Archive » Ich glaub mich knutscht ein Hirsch: Schwedische Wildmettbällchen mit indischem Bananensenf

    [...] Herbst ging es hier ans Eingemachte, damals wurde eine fruchtige Hommage an den Senf geköchelt und für schlechte Zeiten eingeweckt. Allerdings schmeckt mir Fremd-Senf irgendwie doch [...]


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