Freitagabende gehören traditionell der Zweisamkeit am Esstisch – wenn die Deutsche Bahn es schafft, ihr Beförderungsversprechen einzulösen. Bei der fast schon irrwitzgen Hin- und Herfahrerei, die meine Wochen und Monate zerklüftet, kommt es durchaus vor, dass zwischen A und B etwas auf der Strecke bleibt. Ein Ladekabel zum Beispiel. Mein Glauben an die deutsche Pünktlichkeit. Meine Nerven. Der Appetit allerdings nur sehr selten. Ich bin die eine Hälfte einer Fernbeziehung und verbringe gefühlt ein Viertel meiner Lebenszeit im Zug. Es versteht sich von selbst, dass ich da hin und wieder eine doppelte Portion Ricottagnocchi brauche. Mit vereinten Kräften schaffen wir sie sogar im Pendelspagat.

Das Prinzip ist relativ simpel und lässt sich bei routinierter Arbeitsteilung auch auf andere Gerichte übertragen.

Erster Schritt: Zum Gleis rennen, Sitzplatz erobern. Zweiter: Den natürlichen Habitus mit elektronischen Gerätschaften und Arbeitsunterlagen zumüllen. Dann rufe ich den Kerl in Köln an und instruiere, wie man Tomaten kandiert. Den Ricotta hat er gestern Abend schon auf meine Anweisung hin in ein Mulltuch gepackt und auf eigensinnige Weise (mit einer Hantelscheibe!) zum Abtropfen beschwert. Ich liebe kreative Problemlösungen und kann ein paar Stunden später in der Ehrenfelder Miniküche den dichten, krümeligen Ricotta zusammen mit Ei, Parmesan und reichlich schwarzem Pfeffer zu federleichten Nocken verarbeiten. Die sind übrigens bis auf das bisschen Mehl zum Bestäuben so gut wie kohlenhydratfrei und liegen auch zu später Stunde nicht wie Wackersteine im Magen. Es geht doch nichts über ein Mitternachtsdinner in bester Gesellschaft.

Bevor es so weit ist, wird aber noch ein bisschen Parmesan gerieben, die gerösteten Pinienkerne verbreiten einen unwiderstehlichen Duft. Noch ein paar mit Orangenschale aromatisierte Röstzwiebeln hier, ein rasch aus Rotwein, Zucker und den ausgelösten Tomatenkernen zusammengeköcheltes i-Tüpfelchen da. Der Rest ist eine Frage der Geduld beim Nocken abstechen und tauchbaden – und natürlich eine der Butter.

Eine knappe Stunde später sitzen wir endlich am Tisch, vor uns ein Teller herrlich fluffiger Ricottawolken. Dazu eine Flasche Priorat und alberne Gespräche bis tief in die Nacht.

Nothing can ever beat this.

Gratinierte Ricottagnocchi mit kandierten Tomaten, Orangenröstzwiebeln und Kapuzinerkresse 


Zutaten (für 2 Personen):

Ricottanocken:
250 g Ricotta
1 Ei, verquirlt
150g Butter, zerlassen
frisch geriebene Muskatnuss
40 g Parmesan, gerieben
Salz, Pfeffer
60-80 g Mehl + etwas Mehl für das Blech
2 EL Butter
50 g Pinienkerne
1 Handvoll Kapuzinerkresse

Kandierte Tomaten:
gute drei Handvoll Datteltomaten
etwas Puderzucker
etwas Fleur de Sel
Chiliflocken oder Piment d’Espelette

Tomatenkern-Rotwein-Reduktion:
Tomatensaft und -kerne der Tomaten
1 guter Schluck Rotwein
2-3 EL Rohrohrzucker (Auge mal Pi)
Salz, Chiliflocken

Orangenröstzwiebeln:
3-4 rote Zwiebeln
abgeriebene Schale einer Bio-Orange
Salz
2 EL Olivenöl


Zubereitung:

Für die Ricottanocken:

1. Den Ricotta gut abtropfen lassen. Am besten schon am Abend vorher ein Sieb mit einem Musselintuch auslegen, Ricotta in das Tuch einschlagen, das Sieb über einer Schüssel einhängen und den Ricotta ca. 8 Stunden abtropfen lassen. Evtl. mit einer Konservendose oder einem anderen geeignet erscheinenden Gegenstand beschweren. Alternativ und bei wenig Zeit den Ricotta in ein Musselintuch einschlagen und fest ausdrücken, um die Flüssigkeit möglichst vollständig herauszupressen, dann für ca. 1 Stunde beschweren.

2. Das Tuch entfernen. Den Ricotta in einer Schüssel mit der Gabel zerdrücken. Eier, zerlassene Butter, einige Messerspitzen Muskatnuss und 2 Esslöffel Parmesan hinzufügen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken und alles gut miteinander vermengen.

3. Das Mehl auf einen Teller streuen. Mit zwei Teelöffeln Nocken von der Ricottamischung abstechen und die Nocken vorsichtig von allen Seiten im Mehl wenden. Mit den Händen vorsichtig zu ovalen Gnocchi formen, evtl. mit einer Gabel leicht ein Muster eindrücken. Die fertigen Gnocchi auf ein leicht bemehltes Brett legen und im Kühlschrank ca. 30-60 min. fest werden lassen. (Dieser Schritt kann zur Not auch übersprungen werden.)

4. Die Butter in einer Pfanne erhitzen. Den Backofen auf 200 °C vorheizen. In einem großen Topf reichlich Salzwasser erhitzen. Sobald das Wasser zu kochen beginnt, die Gnocchi einzeln hineingeben und etwa 3 Minuten darin ziehen lassen, bis sie an die Oberfläche steigen. Mit einem Schaumlöffel herausheben, kurz abtropfen lassen und in die Pfanne mit der Butter geben. Die Gnocchi vorsichtig in der schmelzenden Butter wenden. Zusammen mit der Butter (plus evtl. noch etwas mehr Butter) in eine Gratinform füllen. Mit dem restlichen Parmesan bestreuen und 10–15 Minuten im Backofen überbacken. Fünf Minuten vor Schluss mit den Pinienkernen bestreuen.


Für die kandierten Tomaten:

1. Für die kandierten Tomaten den Backofen auf 120 °C vorheizen. Die Tomaten mit einem scharfen Messer kreuzweise einritzen, mit heißem Wasser überbrühen, dann kalt abschrecken, häuten, halbieren und entkernen. Die Kerne und den Saft dabei auffangen (und für die Zubereitung der Sauce beseite stellen).

2. Die Tomatenfilets mit der gewölbten Seite nach unten auf ein Bachblech legen, mit Olivenöl beträufeln, salzen, pfeffern und mit dem Puderzucker fein bestäuben.

3. Die Tomaten mit Salz und Chiliflocken bestreuen und im Ofen auf der mittleren Schiene etwa 1 ½ bis 2 Stunden trocknen lassen.

Für die Tomatenkern-Rotwein-Reduktion:

1. Die aufgefangenen Tomatenkerne samt Saft in einen kleinen Topf geben. Zusammen mit dem Zucker aufkochen lassen, den Rotwein hinzufügen und alles bei niedriger Hitze langsam einreduzieren.

2. Mit Salz und Chiliflocken abschmecken.

Für die Orangenröstzwiebeln:

1. Die roten Zwiebeln in Spalten schneiden. Zusammen mit dem Öl, der abgeriebenen Orangenschale und einer Prise Salz in eine Schüssel geben und alles gut miteinander vermischen.

2. Den Backofen auf 160 °C vorheizen. Ein Backblech mit Backpapier auslegen. Die Zwiebelspalten darauf verteilen und im vorgeheizten Backofen auf der mittleren Schiene ca. 30-40 Minuten backen.

Kurz vor dem Servieren:

Die Gnocchi aus dem Ofen holen und auf beide Teller verteilen. Mit den kandierten Tomaten, der Tomaten-Rotwein-Reduktion, den Orangenröstzwiebeln, den Pinienkernen und der Kapuzinerkresse anrichten und sofort servieren.

 

 

3 Kommentare zu “Schneller als der ICE: Gratinierte Ricottagnocchi mit kandierten Tomaten, Orangenröstzwiebeln und Kapuzinerkresse”

  1. Cuisinedeprovence

    Sieht wunderbar aus und schmeckt bestimmt göttlich!

  2. Corinna

    Hallo,
    ist da wirklich nur ein Ei im Rezept? Ich habe es naemlich gerade ausprobiert und die Gnochhi sind sobald sie aus dem Wasser kamen komplett zerflossen, egal ob die Kochzeit bei 1 oder 5 Minuten lag (oder irgendwas dazwischen). Ich wuesste sonst nicht, was da so dermassen schief gelaufen sein sollte. Jetzt gibt es Ricottaauflauf.

  3. Sophie

    Hallo Corinna,
    im Rezept ist tatsächlich nur ein Ei vorgesehen, die Bindung geschieht durch den Parmesan und später durch das Wälzen im Mehl. Bei mir funktionieren die Gnocchi immer. Hast du den Ricotta denn lange genug bzw. gut genug abtropfen lassen? Es könnte zu viel Flüssigkeit gewesen sein….


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