Über den Eintritt ins Essigbrätlein ist schon viel geschrieben worden, ich weiß also theoretisch, was mich erwartet. Aber als ich an jenem Freitag vor inzwischen fünf Wochen in der Nürnberger Innenstadt stehe und auf die dunkle Eichentür schaue, halte ich inne. Soll ich tatsächlich an der Klingel ziehen? Oder doch lieber klopfen? Gibt es vielleicht einen Geheimcode? Und: Hätte ich vielleicht lieber ein Outfit mit etwas mehr Folklore-Anteil (Dirndl?!) wählen sollen? Alles sieht so zünftig aus, ein bisschen verschroben, wie aus der Zeit gefallen. Und doch soll das hier eines der kreativsten und innovativsten Restaurants sein, die die Sternegastronomie derzeit zu bieten hat. Irgendwo zwischen ehrfurchtsvoll ergriffen und noch leicht schwindlig von der gerade erst abgeschüttelten Wintergrippe greife ich nach der Kette. Die Tür wird aufgemacht, jemand weist mir den Weg. Der führt über eine hölzerne Treppe hinauf in die gute Stube, wo die foodup.Tafelrunde sich heute Abend versammelt.

 

Tafelrunde. Schummriges Licht. Verschwörerische Eingänge. Was klingt wie die Versammlung eines Geheimbundes, ist in Wahrheit „nur“ ein Treffen von Food-Verrückten, Lebensmittel-Pionieren, leidenschaftlichen Genussmenschen. Eine Runde von Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Und doch ist dies einer der vielleicht unterhaltsamsten, entspanntesten und amüsantesten Abende, die hier in diesem spärlich beleuchteten Raum womöglich verlebt wurden. Am Tisch: Pia Niehoff, Marketing Managerin bei Lebensbaum und Vertriebsleiterin bei Lenis Kaffeemanufaktur in Gronau, deren Vater Franz Niehoff als Pionier der Bio-Kaffee-Szene gilt. Clemens Fehr, der zusammen mit der Bauernkooperative “Le Jardin Bio Equitable” im Herzen Afrikas, um die “Mountains of the Moon”, fair gehandelten und Bio-zertifizierten Kakao sowie Vanille anbaut und damit die Schokoladensehnsüchte bewusster Genießer befriedigt. Hansjörg Zitter, enger Freund von Clemens, ehemaliger Chef der GTZ (Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, heute GIZ) in verschiedenen Ländern, u.a. auch Uganda. Hans-Georg Pestka, Genusshandwerker mit Leib und Seele, dessen gleichnamiger Onlineshop eine der besten Bezugsquellen für exzellentes Fleisch, Fisch und Käse, aber auch ausgesuchte Feinkost aus nachhaltiger Landwirtschaft und von kleinen Produzenten ist. Michael Gliss, Kaffee- und Genussbotschafter, Kaffee-Sommelier und Kopf, Herz und Seele hinter der Gliss Caffee Gruppe. Außerdem: Jörg Ferchlandt, freiberuflicher Kommunikationsfachmann und Testkäufer für die Hotellerie- und Gastroszene, langjähriger Biofach-Besucher und seit über 20 Jahren Vegetarier und Befürworter glücklicher Lebensmittel. Orhan Tançgil, in Düsseldorf lebender Foodblogger und YouTuber mit türkischen Wurzeln, Gründer von Koch dich Türkisch“, mittlerweile auch Kochschulenbesitzer, Buchautor und überhaupt: kulinarischer Tausendsassa. Mittendrin ich. Und natürlich die Food- und TV-Journalistin Denise Blasczok, die foodup. gegründet und diese Runde initiiert und organisiert hat.


 

 


Uns eint nicht alle das Selbe. Aber die Freude an gutem Essen und das Bewusstsein für ehrliche, fair produzierte, Mensch wie Tier respektierende Lebensmittel sind gemeinsame Nenner, die die Atmosphäre dieser ersten foodup. Tafelrunde prägen. Vier Stunden, vier Gänge, vier Weine: Fast fühlt es sich an, als säße man mit alten Bekannten an diesem Tisch. Einige kennen sich schon, andere treffen sich das erste Mal. Wir sprechen über türkische Tischrituale und den Anbau von Hochlandkakao, über Pionierarbeit und das Scheitern, das wohl zum Leben dazugehört. Das Weitermachen, das Lernen. Und nicht zuletzt: den Glauben an die Sache. Wir stellen fest, dass mehr als die Hälfte der Anwesenden einmal als Berater tätig war. Und dass ein Großteil passionierte Autodidakten sind. Wir reden und reden und reden. Der Abend ist gefühlt so schnell vorbei wie ein Wimpernschlag.

Ein bisschen geht es natürlich auch um das Essen. Einen Tisch im Essigbrätlein zu bekommen ist nicht unbedingt die leichteste Übung, aber dank Denise und ihrer Kontakte möglich. Während wir uns an die etwas steife Art des Services gewöhnen, wird das Amuse aufgetischt: Zuckerrübe mit Sesam und eingelegte Rote Beete und Quitte. Ist das Kunst oder darf das gegessen werden? 

Eigentlich ist deutsche Küche ja nicht unbedingt mein Fall, aber was im Essigbrätlein an diesem Abend auf die Teller kommt, lässt mich restlos verblüfft zurück: So viel Geschmack, so viel Aroma, so viele unterschiedliche Facetten aus scheinbar unspektakulären Rohstoffen! Vom „Zitronen-Sauerkraut“, unter dem ein samtiges Kartoffelpüree schlummert, hätte ich (bekennende Sauerkrautverweigerin) liebend gern einen Nachschlag geordert. Das Rinderfilet (wahlweise gab es auch Taube) mit Zuckerrübe und Haselnuss-Crunch ist von A-Z zum Niederknien. Und von dem „Pfeffereis mit Blutorange“ samt kandierter Orange, Baiser und Orangenkaramell werde ich wohl noch monatelang träumen. Mein persönliches Highlight aber war der zweite Gang, „Topinambur mit Kerbel“, dank dem sich mir die unscheinbare Knolle in einer völlig neuen Dimension erschlossen hat. Gebacken, roh, als feines Püree, frittiert – nächsten Winter muss ich unbedingt mehr mit Topinambur experimentieren!

So simpel die Zutaten sind und so schlicht die Titulierung der einzelnen Gerichte, so genial ist das, was Andree Köthes und Yves Ollechs hier zaubern. Vielleicht ist das Understatement, vielleicht aber auch ganz einfach Reduzierung aufs Wesentliche. Ähnlich verhält es sich auch mit Denise Blasczok und ihrem Gespür für stimmige Gruppen: Lieber weniger Leute, dafür mehr interessante Geschichten. Am Ende ist der selbstständigen TV-Journalistin mit Liebe zu nachhaltigen Produkten und zum Genuss vor allem wichtig, was aus solchen Tafelrunden heraus entsteht: Neue Geschäftskontakte, neue Querverbindungen, neue Ideen, neue Freundschaften. Und das warme Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein.

 Und tatsächlich werden an diesem Abend, kurz bevor sich die Runde auflöst, Telefonnummern ausgetauscht und Verabredungen getroffen. Ein paar Wochen später kann man Clemens Fehrs umwerfende Vanilleschoten bei Hans-Georg Pestkas Shop Genusshandwerker kaufen. Und ich? Ich treffe mich am nächsten Tag mit Jörg auf der Messe, besuche Pia am Stand von Lebensbaum und laufe, bereits auf dem Rückweg, am Bahnsteig doch tatsächlich noch einmal Clemens in die Arme. Die vierstündige Fahrt, die wir im Anschluss nonstop diskutierend verbringen, ist ebenso wie der Abend: gefühlt so schnell vorbei wie ein Wimpernschlag. Seine von Zotter produzierte Hochlandschokolade, die er mir zum Abschied in die Hände drückt, hat nicht viel länger überlebt.

 

4 Kommentare zu “Daumen hoch für foodup. (oder: ein Abend im Essigbrätlein)”

  1. Clemens Fehr

    Gnae Frau,
    besser haette ich es nicht sagen koennen! Selten kommen wohl so viel wildfremde Menschen zusammen und verbringen einen so tollen Abend! Allen nochmals ein grosses Kompliment und beste Gruesse aus der Ferne

  2. Jörg Ferchlandt

    Very well done dear Sophie! Sehr gefühlvoll hast du die schöne Atmo beschrieben. Es war wirklich inspirierend & danke auch für die tolle Idee liebe Denise zu dieser supernetten Runde. Da sollten wir doch nicht erst bis 2039, zur BioFach Nr.50, warten um uns mit netten Menschen bei 1a Essen zu treffen. CU hopefully much sooner! XOX Jörg

  3. Claudia Gliss

    Liebe Sophia,
    ich habe ja schon viel über Euren spannenden Abend gehört – und jetzt auch noch die Bilder ;-) Sehr schön!
    Liebe Grüsse
    Claudia

  4. Theresa

    liebe Sophie, das hört sich nach einem großartigen Abend an! So viele inspirierende und spannende Menschen, da wäre ich gerne Mäuschen gewesen ;) Ich danke dir, für das Teilhabenlassen und wünsche dir ein wunderbares Wochenende! Liebe Grüße, Theresa


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