Mit der Beharrlichkeit asiatischer Leistungssportler schnippelt sich die weibliche Belegschaft meiner Redaktion ihre tägliche Portion Vitamin B, A, E und K in den Mittagssalat. Dabei wird der Verlag weder von einer Avocado-Plantage gesponsert noch leiden wir an Nährstoffmangel. Es handelt sich lediglich um eine schrullige Form von Besessenheit:

Wir sind auf der Suche nach der perfekten Avocado.

Die Spannung ist immer zum Schneiden, wenn das (unscharfe Redaktions-) Messer an eine noch jungfräuliche Avocado gelegt wird. Was wird es heute: der Fahrradschlauch, die schwarze Witwe oder der faule Onkel? Haben wir etwa das unsägliche Glück, in den Genuss einer optimal gereiften, cremig-buttrigen Aztekenfrucht zu kommen? Oder müssen wir wegen Ungenießbarkeit auf Ersatzkombinationen ausweichen?

Leider scheitern selbst unsere erprobtesten Avocado-Expertinnen bisweilen an den Launen der Natur bzw. der falschen Lagerung. Schuld sind schwer nachvollziehbare Großhandelsdirektiven und fiese Avocado-Schieber, die sich den Boykott unseres Mittagessens auf die Fahnen geschrieben haben. Vielleicht sollte man Avocados raus aus der Gemüseabteilung holen und ihnen das Fach neben den Überraschungseiern frei räumen? Die Form ist fast die gleiche und auch das Prinzip dahinter scheint ähnlich gelagert.

Bei 22 Avocado-Esserinnen wundert es also nicht, dass die Mittagspause regelmäßig zum Roulette mutiert.

Immerhin gibt es ein paar Anhaltspunkte und Tipps, die bei der Schadensbegrenzung helfen:

I. Die Reife-Regel: Avocados niemals bereits essreif = weich kaufen. Das ist zwar verführerisch, endet aber oft in einer Riesenenttäuschung. Meist ist die Lagerung suboptimal, unreife Früchte landen in der Kühlung oder reifen im Depot kistenweise vor sich hin.
Besser: die Avocado noch hart kaufen und zuhause weich werden lassen. In Zeitungspapier gewickelt und neben einen Apfel gelegt, dauert das in etwa 2-3 Tage.

II. Die Sorten-Regel: Hass oder Fuerte? Da scheiden sich die Geister. Die einen schwören auf die kleine, rundliche Black Beauty mit der genoppten Schale, die anderen bevorzugen die birnenförmige Parade-Avocado mit der glatten, dünnen Haut und dem hellen, zum Rand hin grün auslaufenden Fruchtfleisch. Fuerte sind kühlschrankresistenter als Hass und lassen sich leichter schälen, dafür schmecken Hass aromatischer. Hier unbedingt beachten, dass die raue Schale erst mit zunehmendem Reifegrad schwarz wird, im (beim Kauf idealen) unreifen Zustand gleicht die Farbe eher einem Oliv-Ton.

Natürlich gibt es noch zig weitere Sorten wie z.B. Pinkerton, Edranol, Reed oder Ettinger, die jedoch allesamt ziemliche Raritäten sind.

III. Das WasmachichmitderzweitenHälfte-Dilemma:

Taucht unweigerlich auf, denn wer ißt schon immer eine ganze Avocado? Avocado der Länge nach rund um den Kern aufschneiden, beide Hälften in entgegengesetzte Richtungen drehen – so lösen sie sich ganz leicht vom Kern. Immer die Hälfte ohne Kern essen und jene mit Kern in den Kühlschrank packen – wenn sie bereits reif ist, ist das okay (allerdings für höchstens zwei bis drei Tage). Enzyme im Kern bremsen die Oxydation und verhindern, dass die Avocado braun wird. Den gleichen Effekt haben auch Zitronen- und Limettensaft oder aber Essig.

IV. Das Fahrradschlauch-Syndrom: Avocados, die im unreifen Zustand zu lange gekühlt wurden, leiden an einer gummiartigen Konsistenz, aus der sie auch ihre verzweifelten Bemühungen um Nachreifung nicht mehr retten können. Geschmacklich rangieren sie irgendwo zwischen bitter und böse, was wiederum zum Leiden des nichtsahnenden Konsumenten führt. Einzige Lösung: Ab in die Tonne.

V. Die schwarze Witwe: Schwarze, ungenießbare Stellen und ein Innenleben, dass den Zenit bereits längst überschritten hat, gehören zu den frustrierendsten Avocado-Erlebnissen und sind zu langer Lagerung oder falschen Temperaturen (s.o.) geschuldet. Dagegen hilft nur die Haus-Reifung und der Kauf beim Gemüsehändler des Vertrauens.

VI. Der faule Onkel: Er ist der nächste Verwandte der schwarzen Witwe und keinen Deut besser. Gelbstichiges, modriges Fruchtfleisch sind das Gegenteil von lecker und gehören stante pede entsorgt. Leider holt einen der faule Onkel immer wieder ein, auch wenn man den berühmten hohen Bogen einschlägt. Als Prophylaxe bietet sich der Drucktest an, hohe Flexibilität beim Verzehr-Timing ist ebenfalls empfehlenswert.

Kleiner Trost, falls es trotzdem mal wieder nicht so recht geklappt hat mit der Avocado: Der Salat schmeckt auch ganz fantastisch ohne!

Hähnchen-Avocado-Salat mit Brunnenkresse

Zutaten

  • Für den Salat:
    80 Mandeln oder Cashewnüsse
    50 g Sesamsaat
    1 kleines Freilandhähnchen, gegart
    1 Bund Brunnenkresse
    2 Salatherzen, in Blätter zerteilt (oder die feinen Blätter eines Kopfsalats)
    2 Avocados
    2 Schalotten
  • Für das Sesam-Balsamico-Dressing:
  • 1 TL Roh-Rohrzucker
  • 1 TL Dijonsenf
  • Meersalz und schwarzer Pfeffer
  • 1 EL Balsamico-Essig
  • Saft von 1 Limette
  • 2 EL Olivenöl
  • 2 EL Sesamöl
  • 1/2 TL geröstetes Sesamöl

Zubereitung

1. Die Mandeln oder Cashewnüsse in einer Pfanne ohne Fett goldgelb rösten. Die Sesamsamen ebenfalls in der Pfanne rösten, bis sie goldbraun sind und zu springen anfangen.

2. Das Hähnchenfleisch in Streifen teilen. Avocado entsteinen, schälen und in Spalten oder Stücke schneiden. Sofort mit Zitronen- oder Limettensaft beträufeln. Brunnenkresse waschen, trocken schütteln und verlesen. Schalotten schälen und in feine Ringen schneiden.

Die Fleischstreifen mit Brunnenkresse, den Salatblättern, Avocadostücken, Schalottenringen, Mandeln und Sesamsaat in einer großen Schüssel mischen.

3. Für das Dressing: Zucker, Senf, etwas Salz und Pfeffer, Essig und Limettensaft miteinander vermischen (geht gut in einem Schraubglas), bis sich der Zucker aufgelöst hat. Die Öle unterrühren. Dressing abschmecken, evtl. mit Salz, Limettensaft oder Zucker nachwürzen.

4. Kurz vor dem Servieren das Dressing unter den Salat heben.

Zubereitungszeit: 30 Minuten (ohne Garzeit für das Hähnchen)

Eins A(vocado): ★★★★★

Quelle: Der Salat ist angelehnt an ein Rezept aus Thomasina Miers Kochbuch Mexikanisch Kochen. Ganz einfach, mit kleinen Abwandlungen natürlich.

4 Kommentare zu “Fahrradschlauch oder schwarze Witwe? Mexikanischer Hähnchen-Avocado-Salat mit Brunnenkresse und Sesam-Balsamico-Dressing”

  1. tobias kocht!

    Für einen Avocado Fan wie mich genau das richtige.

  2. Christina

    Fahrradschlauch! So nenne ich das jetzt auch, ich weiß genau, was Du meinst. Und das ist bis jetzt mein liebster Avocado-Bericht ever!

  3. Foodfreak

    Hihi, die Avocado-Typologie gefällt mir! Und ich liebe Hass-Avcados…

  4. Claus

    Jetzt hab ich´s auch kapiert. Knallhart recherchiert. Danke!


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