Manche Gerichte müssen ganz spontan entstehen. Dann nämlich, wenn man eine absolut geniale, höchst saisonale oder schwer aufzutreibende Zutat („Hirschhornwegerichsalat!“) auf dem Markt ergattert hat und mit einem fetten Grinsen im Gesicht („this made my day“) nach Hause schlendert. Schon während des Drehens und Wendens („was für Schönheiten!“), Prüfens und Probierens („hmm, nussig und würzig“) hat der Kopf die Fantasiemaschinerie angeschmissen und nun rattert das Ding mit Affentempo durch das kulinarische Gedächtnis, reißt hier einen gustatorischen Baum um und hebt dort ein paar (Zubereitungs-) Gewohnheiten aus den Angeln, bis es endlich mit einem lauten Schnauben vor dem Rezepteblock zum Stehen kommt und sich sintflutartig über die Seite ergießt.

Da steht dann nun ein Fragment aus „mit“s, „an“s und „und“s, gespickt mit dem, was noch so im Marktkorb landete, gewürzt mit Appetit auf eine neue, so noch nie gegessene Kombination. Abgeschmeckt wird natürlich mit einer schönen Prise Optik und – ganz wichtig – dem passenden Text.



Geschmeidig soll er sein, der Text, Fundament und Krönung zugleich, und nicht so ein dösiges Gefasel nach dem Motto „Ich hatte noch zwei reife Tomaten im Kühlschrank“ und „da dachte ich, ich mache heute schlagmichtot“. Er muss fein ausbalanciert sein, so wie das Essen selbst, und er braucht ein bisschen Säure ebenso wie ein bisschen Süße, genau so wie der Wein dazu. Und wenn das Essen gelungen ist, der Wein schmeckt und die Texterin sich in der passenden Stimmung befindet, dann entsteht er während des Kochens, zwischen Messer und Gabel und im Moment des perfekten Bissens, meist so wie das Gericht

… von ganz allein.

Hirschhornwegerichsalat mit Belugalinsen, geschälten Trauben und Kalbshüfte

Zutaten

  • Für den Salat:
  • 1 gutes Bund Hirschhornwegerich (Plantago Coronopus, auch Krähenfuß-Wegerich oder Erba Stella genannt)
  • 1 Handvoll grüne Trauben
  • 1 Tasse Belugalinsen
  • 250 g Kalbshüfte
  • Salz, frisch gemahlener Pfeffer
  • Für das Dressing:
  • 2 EL Olivenöl
  • 2 EL Sherry- oder Honigessig
  • 1 TL Akazienhonig
  • 1 TL Dijonsenf
  • Salz, Pfeffer
  • Für die Stimmung:
  • eine Flasche Günther Steinmetz 2011er Brauneberger Juffer Riesling Kabinett feinherb. Oder auch zwei.


  • Zubereitung

1. Die Belugalinsen in ein Sieb geben und gut abspülen. Wasser in einem kleinen Topf zum Kochen bringen, die Belugalinsen hineingeben und bei kleiner Flamme (nach der leidigen Packungsanweisung) kochen, bis sie gar, aber noch bissfest sind. Dann in ein Sieb geben, abtropfen lassen und beiseite stellen.

2. Währenddessen den Riesling öffnen, einschenken, es sich bequem machen. Das ist elementar, denn nun müssen die Trauben geschält werden. Dazu am besten ein kleines scharfes Gemüsemesser und nach jeder gemeisterten Traube einen Schluck Riesling nehmen.

3. Der Salat! Da wollen wir also mal! Hirschhornwegerich gut waschen und vorsichtig trocken schleudern. Für das Dressing den Essig mit Senf und Honig mischen, dann sachte das Öl unterschlagen. Mit Salz und Pfeffer abschmecken, ggfs. etwas mehr Essig oder Öl beifügen. Wie man’s eben mag.

4. Das Fleisch von beiden Seiten salzen und pfeffern, in Streifen schneiden. Eine Grillpfanne (oder wer hat/mag/kann: den Grill) erhitzen, etwas Öl in die Pfanne geben und die Fleischstreifen von beiden Seiten braten, bis sie gar, aber nicht totgebraten sind. Herausnehmen und kurz ruhen lassen.

5. In einer Schüssel den Hirschhornwegerich mit dem Senfdressing gut vermischen (am besten dazu die Hände verwenden, wirklich!). Salat auf Teller verteilen, mit den Belugalinsen und den geschälten und halbierten Trauben bestreuen, zum Schluss das Fleisch darauf setzen.

6. Zweite Flasche Riesling aufmachen.

7 Kommentare zu “Aus der Hüfte geschossen: Hirschhornwegerichsalat mit Belugalinsen, geschälten Trauben und Kalbshüfte”

  1. Steffen

    Ich muss eingestehen, der Text ist fast noch besser als das Gericht. Keine Frage, da haste Dir wirklich Mühe gegeben. Auch das Rezept mit dem Verbrauch von 2 Rieslingflaschen für den Eigenbedarf eher unkonventionell gehalten, es sei denn Du berufst Dich auf Alfred Biolek, der hat das ja eigentlich populär eingeführt.

    Vielen Dank für die tolle Story, wobei ich immer dachte, Du wärest nicht so leicht himmelhochjauchzend auf dem Markt zu beobachten. Mir war doch so? ;-)

  2. Alex [Chef Hansen]

    “Plantago Coronopus” – muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Ja, Brauneberg, herrlicher Flecken Erde. Dort kommt nicht nur guter Wein her, sondern auch die schönsten Mädchen von der Mosel. Weiß ich noch von früher, als ich jede Woche frisch verliebt war ;-) Trauben schälen tut da aber niemand…

  3. nata

    Zwei Fragen bleiben aber unbeantwortet: Wie schmeckt denn nun dieses Kraut? Und in welchem Universum kann ich sowas kaufen? Wenn ich auf unserem Wochenmarkt danach frage, werden die Händler vermutlich behaupten, sowas gäbe es gar nicht.

  4. Sophie

    @ nata: Wenn ich das HIER bekomme, dann bekommst du das in Frechen auch. Alternativ suchst du dir einen Schrebergarten und pflanzt das Zeug an :-) Es schmeckt …schwierig zu beschreiben. Milder als Rucola, würziger als Babyspinat. Nussig, kräuterig, zart.
    @ Steffen: Danke danke danke, aber du weisst doch, ich gebe mir immer Mühe. Was die 2 Flaschen Riesling betrifft, so ist das Rezept für 2 Personen ausgelegt (250 g Kalbshüfte esse auch ich nicht allein) und bei diesem Wein geht das schnell. … Btw: Du solltest mal mit mir auf den Wochenmarkt gehen! ;-)
    @ ChefHansen: Wir sollten mal eine Moseltour starten und die alten Zeiten hochleben lassen. :-)

  5. nata

    Wenn es nicht so unerträglich heiß wäre, würde ich jetzt vor Lachen auf dem Boden rumrollen. Was Lebensmittel betrifft, ist das hier die Einkaufsdiaspora.

    Übrigens schließe ich mich noch dem Lob über den, wie immer, gelungenen Text an. “Ich hatte noch zwei Tomaten im Schrank” gehört auch zu meinen liebsten Textbausteinen für Foodblogger.

  6. Chris

    Ein tolles Rezept.

    Es ist das erste mal seit langem, dass ich die Hauptzutat googlen musste ;-) Ich könnte wetten, dass ich auf Nachfrage beim örtlichen Gemüseladen nur Stirnrunzeln ernte. Aber gesehen hat man das ja schonmal.

    Also vielen Dank für das coole Rezept, ich werde versuchen, das nachzukochen. Und den passenden Moselwein finde ich auch noch ;)

    Viele Grüße,
    Christoph

  7. Kräuterfeld.de

    Liebe Sophie,

    ein großes Kompliment für deinen Schreibstil und das Rezept – hört sich beides großartig an!

    Auf der Suche nach Rezepten mit Hirschhornwegerich bin ich auf deinen Blog gestoßen! Wir sind ein Online-Shop für Bio-Topfkräuter und haben dieses Kraut ganz neu im Angebot. Auf unserer Facebook-Seite ist es das “Kraut der Woche” und zu dem jeweiligen Kraut werden dann die ganze Woche über Rezepte und Infos gepostet. Dieses Rezept wird auf jeden Fall auch verlinkt :)

    Viele Grüße und weiter so!

    Line von Kräuterfeld.de


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